wütende zuschauer sind auch nur stakeholder

Wie ich im Beruf von meiner Erfahrung als Schiedsrichter profitiere

Vor einigen Tagen lief in der ARD die Dokumentation über den Fußball-Schiedsrichter Deniz Aytekin: eine spannende Nahaufnahme, die Zuschauer hineinversetzt in die Dramatik, die Entscheidungsfindung und den immensen Druck während eines Bundesligaspiels. Es ist ein Stück, aus dem sich vieles mitnehmen lässt für Kommunikation, Führung und Stakeholder Management in einem komplexen dynamischen Umfeld.

Ich selbst war 16 Jahre lang Schiedsrichter, nicht im Fußball, sondern im Handball. Zusammen mit meinem Gespannpartner durfte ich Spiele der dritten Liga leiten, wir gehörten damit zu den besten 15 Prozent der Handball-Schiedsrichter in Deutschland. Vieles von dem, was mir seit 20 Jahren im beruflichen Alltag als Berater, Projektleiter und Führungskraft hilft, habe ich in rund 700 Partien als Schiedsrichter gelernt. Auch sehr viel über mich selbst.

Den Moment, wenn zum ersten Mal ein wichtiges Projekt zu scheitern droht, vergisst man nicht so schnell. Das Gefühl immerhin kannte ich schon – aus meiner Zeit als Schiedsrichter. Du hast eine Entscheidung getroffen, du pfeifst, und ehe dieser Pfiff verklungen ist weißt du, es war die schlechteste aller denkbaren Entscheidungen. Umso schlimmer, wenn auch extrem selten ist es, wenn sie den Ausgang des Spiels beeinflusst.

Eine der wunderbaren Erkenntnisse aus meinem Wirken als Handball-Schiedsrichter ist dagegen, dass mitten in dynamischen Situationen häufig geradezu intime Räume entstehen: Vom allgemeinen Durcheinander und infernalischem Lärm überdeckt eröffnen sie für einen Augenblick die Möglichkeit, weitgehend unbemerkt das Geschehen und Stakeholder zu beeinflussen – Spieler, Trainer, Offizielle.

Deniz Aytekin gelingt dies in der Dokumentation sehr schön, wenn er Spieler zur Seite nimmt, sie fast beiläufig aus dem Trubel herausführt und mit ihnen spricht, seine Entscheidungen erklärt oder eine Grenze zieht: Mach das noch mal und ich muss Gelb machen." Manchmal allerdings reicht dieser diplomatische Ansatz nicht aus, dann wird auf offener Bühne gespielt: Kopf an Kopf steht Aytekin mit einem Spieler, beide gestikulieren, es wird deutlich, und es wird laut. Nach ein paar Sekunden dreht der Spieler ab, kurz darauf: Handshake und Kopfnicken.

Mit Karten und Strafen (allein) bekommt man ein Spiel nicht in den Griff. Das lernt man, je weiter man von Liga zu Liga aufsteigt: Die eigentliche Leistung des Schiedsrichters beginnt dort, wo das Regelwerk endet. Auch im People-Business der Beratung reicht die beste fachliche Kompetenz nicht aus, Persönlichkeit ist der Schlüssel zum Erfolg.

Abgesehen davon, dass ich im Handball gelernt habe, mich von hohem Druck und sehr gegensätzlichen, oft überzogenen Erwartungen nicht beeinflussen zu lassen: Diese Punkte habe ich vom Spielfeld mit ins Büro genommen:

  • Methodik: Lerne mit Situationen und Rahmenbedingungen umzugehen, die vom Regelwerk abweichen, und gestalte sie.
  • Ausdauer: Denke nie, du hast es geschafft, solange nicht abgepfiffen ist.
  • Fokus: Taktiere nicht, sondern triff Entscheidungen immer sachgerecht und zum Wohl des gesamten Projekts.
  • Beziehungen: Versuche auf der persönlichen Ebene Zugang zu Stakeholdern zu bekommen, das hilft bei Konflikten in der Sache.
  • Transparenz: Die beste Entscheidung ist wenig wert, wenn du sie nicht gut kommunizierst und die richtige Botschaft nicht ankommt.
  • Humor: Wenn du in der Lage bist, über dich selbst zu lachen, werden es andere umso seltener tun.
  • Konfliktfähigkeit: Streite fachlich fundiert für deine Überzeugung und stehe zu deinen Fehlern.
  • Konsequenz: Versuche nie eine Fehlentscheidung mit einer anderen auszugleichen, denn es gelingt nicht und schadet dir und dem Projekt.
  • Empathie: Hilf anderen, denn es geht im Projekt nicht um dich.


Haben auch Sie ein Hobby, von dem Sie im Beruf profitieren? Was haben Sie dabei gelernt? Lassen Sie es mich wissen über den Button Feedback senden“.

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Die Dokumentation „Karten, Pfiffe, Fette Bässe – Schiedsrichter Deniz Aytekin“ ist bis zum 4. Februar 2021 in der ARD-Mediatehk verfügbar.

(Foto: Screenshot ARD-Mediathek)

Veröffentlicht am 09.02.20