Die neue Normalität

Warum wir Komplexität und Diversität nicht nur aushalten, sondern aktiv nutzen sollten, um Veränderung zu gestalten

Es ist ein Crashkurs in Veränderung: Der Arbeitsalltag hat sich durch die Ausbreitung des Coronavirus und die folgenden Kontaktsperren massiv verändert, Millionen Menschen sind im Homeoffice. Die technischen Anpassungen sind zu bewältigen: Tools lassen sich einrichten und lernen. Viel tiefgreifender sind kulturelle Aspekte, die über reine Regeln des neuen Zusammenarbeitens hinausgehen. Gerade informelle Rituale und Begegnungen, der wichtigste Schmierstoff jeder Organisation, fallen weg und müssen neu definiert und eingeübt werden.

Technisch ist vieles möglich und organisatorisch lassen sich immer Regeln finden. Ein überwiegend rationaler und eindimensional technischer Lösungsansatz greift in der Regel jedoch zu kurz, wenn Veränderung nachhaltig erfolgreich gelingen soll. Diese Lektion habe ich in den vergangenen 20 Jahren an vielen guten und schlechten Beispielen gelernt – auch unter eigener Beteiligung.

Ich habe Arbeitgeber und Auftraggeber in vielen Phasen erlebt: Gründung, Aufbau, Fusion, Post Merger Integration, Aufspaltung, Neuausrichtung, Repositionierung, Insolvenz und Restrukturierung. All diese Phasen habe ich in höchst unterschiedlichen Rollen und Funktionen begleitet und gestaltet – als Mitarbeiter, als Führungskraft in der Linie und in Stabsstellen, als Interim Manager, als Projektleiter, als externer Berater, als Betriebsratsvorsitzender und als Datenschutzbeauftragter.

Was ich dabei gelernt habe? Es gibt niemals nur die eine Story, geschweige nur eine Wahrheit. Jede(r) Mitarbeiter*in, jedes Team, jede Abteilung, jeder Standort, jedes Land, jede Kultur, jede Hierarchiestufe, jedes Erfahrungslevel und jede Funktion hat nicht nur eine ganz reale unterschiedliche Wahrnehmung, sondern wird die Veränderung im Alltag auch ganz anders erleben. Diese gewachsene Erkenntnis hilft mir, Situationen und Aufgaben ganzheitlich zu erfassen. Gerade in der Transformation ist es meines Erachtens wichtig, Komplexität und Diversität anzuerkennen – und sie zuzulassen. Das Vorgehen und die Kommunikation müssen sie reflektieren, auch wenn es herausfordernd ist und manche Mühen mit sich bringt.

Veränderung ist kein Projekt, so wie es der Umzug der Massen ins Homeoffice aus operativer Sicht vielleicht gewesen sein mag. Genauso wenig ist Digitalisierung ein (reines) Technikthema. In beiden Fällen geht es vor allem um eine Haltung, ein von allen geteiltes Mindset. Es geht um Mut und Offenheit, um die Bereitschaft Fehler zuzulassen und sie zu machen, um ein Miteinander über Organisationsgrenzen und Hierarchieebenen hinweg, um iteratives Ausprobieren und Lernen. Und um vieles mehr. Unternehmen brauchen deshalb eine Kultur, die Veränderung als Normalzustand und Alltagsaufgabe für jede*n einzelne*n begreift.

Damit das gelingen kann, ist es wichtig, Komplexität und Diversität nicht als Hindernis zu sehen, sondern als Stärke – um sie zu bündeln und zu einer treibenden Kraft der Veränderung zu machen. Mein Stakeholder Management habe ich in komplexen Strukturen trainiert, etwa im Politikumfeld, in großen Konzernen und in internationalen Agenturen. Es ist für mich der Schlüssel zum Erfolg – ganz egal, ob es um Markenstrategie geht, um Produktentwicklung, ein Geschäftsmodell, Employer Branding, Digitalisierung oder Neuausrichtung. In Verbindung mit agilen Methoden und Werten ergibt sich daraus das Fundament meiner Arbeit: Engagement, Mut, Fokus, Offenheit, Respekt. Und nicht zu vergessen eine gesunde Portion Humor.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Veränderung in Unternehmen gemacht? Was sind für Sie die entscheidenden Faktoren? In welchen Rollen haben Sie Veränderung erlebt und gestaltet?

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Foto: 
Richard Reid auf Pixabay

Veröffentlicht am 20.04.20